#Mütter2020 – Rollenbilder in der Krise

Die Krise lässt uns nicht in Rollenbilder der 50er zurückfallen, sondern deckt auf, wie wenig sich seitdem geändert hat – und warum diese Erkenntnis genutzt werden muss um völlig neu zu denken

Die Rolle der Frau in Krisenzeiten wird in diesen Tagen viel besprochen und beschrieben. Kinder, die keine Lust auf Homeschooling haben, Männer, die weitermachen wie bisher, nur eben zu Hause. Ernährer, die ernährt werden müssen. Impulse, sich ein Cocktailkleid anzuziehen und das Buch „Die gute Hausfrau“ von 1955 downzuloaden. Ich spüre ein tiefes Gefühl von Machtlosigkeit und Frust in meinem weiblichen Umfeld, auch bei mir selbst. Vielerorts muss man sich anhören, oft von den eigenen Müttern oder auch von Männern: „So ist das nun gerade mal“ oder „sei doch froh, hast Du endlich mal richtig Zeit mit Deinen Kindern“.  Abgesehen, dass viele die Zeit, die sie mit ihren Kindern beim Homeschooling verbringen inzwischen lieber mit einer Wurzelbehandlung ohne Betäubung tauschen würden, drängt sich der Gedanke auf, was denn so falsch an mir ist, dass mir das nicht reicht. Gar nichts ist falsch an mir und an meinem weiblichen Umfeld auch nicht! Unter Corona ist eine Falle zugeschnappt, in der wir uns allerdings schon Jahre bewegt haben und die Augen möglichst geschlossen hielten um nicht zu sehen, dass viele Frauen in Deutschland ein Leben führen, welches sie nicht glücklich macht oder sogar krank. Jeder Mensch braucht eine Aufgabe, die ihn erfüllt. Nein, das heißt nicht, dass mich meine Kinder nicht erfüllen! Aber eben nicht NUR meine Kinder. Jeder braucht Anerkennung und Wertschätzung und damit meine ich nicht nur das selige Lächeln der Kleinen, wenn ich mit ihm kuschele oder ein Lob bezüglich meines Bohneneintopfes.

Und jeder, der sich über ein gelegentliches Spülmaschine Ausräumen und Kind bespaßen schon mal um einen Haushalt gekümmert hat weiß, dass dies eine Sisyphos – Arbeit ist, die mitnichten mit Wertschätzung überschütten wird. Von keiner Seite. Aber wem kann man da eigentlich einen Vorwurf machen? Meinem Mann, der immer sagt, „ich muss arbeiten“ und sich an sein Laptop zurückzieht? Auch wenn mich das in dem Moment wütend macht, sicherlich nicht. Denn auch er ist ja Opfer tiefverwurzelter Denkstrukturen, die durch die Krise unter ein Vergrößerungsglas gelegt worden sind, so dass man die Augen davor nun nicht mehr verschließen kann und darf. Es ist was faul im Staate Deutschland und es beginnt zu brodeln, zu stinken und zu blubbern. Und ich kann nur hoffen, dass aus diesem Blubbern irgendwann ein Blob wird, der nicht mehr aufzuhalten ist.

Wenn ich unsere Familienministerin in einer Talkshow reden höre, in der es unter anderem um das Thema geht, warum wir Frauen uns emanzipatorisch 30 Jahre zurückversetzt fühlen, fällt mir zuerst selber gar nicht auf, wie falsch sich das anhört, wenn sie sagt, dass mehr getan werden muss für die außerhäusige Kinderbetreuung. Längere Kita- und Krippen – Öffnungszeiten, am besten 24/7.
Aber wer hat denn eigentlich festgelegt, dass man sich zwischen Zeit mit den Kindern und Beruf entscheiden muss? Warum muss ich meine Kinder eigentlich ganze Tage fremdbetreuen lassen um Karriere zu machen oder meinen Beruf erfüllend zu leben? Weil ich mich sonst damit abfinden muss, dass ich vermutlich den Rest meines Arbeit – Lebens die Teilzeit – Mutti im Unternehmen bin, die sich in einer Welt, in der Vollzeit zu arbeiten und die anatomische Unmöglichkeit schwanger zu werden,  leider oft mehr Wert ist als Qualität und Leidenschaft für seine Arbeit.

Lieber schafft der Staat die Möglichkeit für Eltern sich beide NICHT um ihre Kinder zu kümmern als die Möglichkeit, dass BEIDE sich um ihre Kinder kümmern.
Ist das wirklich nur eine finanzielle Frage? Ich bin nicht so gut in Mathe, aber es schwant mir, dass dies nicht der einzige Grund sein kann. Unsere Generation, die in den 60ern und 70ern groß geworden ist, ist noch viel zu geprägt von der Struktur, dass der Job, der das meiste Geld nach Hause bringt auch mehr „wert“ ist. Welche Frau hatte nicht schon öfter mal das Gefühl, dass es ja ganz schön ist, dass man sein Jodeldiplom in der Tasche hat um etwas „eigenes“ zu haben. Aber wenn es darum geht, welcher Job denn zeitlich bevorzugt behandelt wird, wenn die Kinder zum Geigenunterricht gefahren werden müssen, ist dann der, der mehr Geld bringt. Leider ist das, bis auf einige Ausnahmen, oft der Job der Männer. Und warum? Weil im Zuge der Familienplanung eben diese monetäre Bewertung auch als Grundlage genommen worden ist. Wer in Elternzeit geht, arbeitet in der Regel zukünftig Teilzeit und stellt somit seine berufliche Entwicklung in der Regel hinten an. Ein Teufelskreis beginnt! Viele Frauen landen in einem Burnout, weil sie sich in diesem Kreis wund laufen und die wenigsten finden hier eine befriedigende Lösung oder Ausweg. Und mal Hand aufs Herz, wie viele Männer sind hier wirklich bereit, gemeinsam nach Lösungen zu suchen, da diese eventuelle Lösung für beide einschneidende Veränderungen bedeuten würden. Auch Unternehmen tun sich hier schwer. Flexibilität im Job ist das A und O, da ist dem Mut und dem Entwicklungsdrang keine Grenze gesetzt. Geht es aber darum Strukturen zu finden und zu etablieren in denen Männer arbeiten und sich gleichzeitig um die Familie kümmern, wird der Horizont plötzlich ganz eng.
Also doch 24 Stunden Kitas? Ich weigere mich zu glauben, dass es im Jahr 2020 nicht anders geht. Klar brauchen wir Betreuungs-Strukturen, die auf Fremdbetreuung basieren. Aber rund um die Uhr? Oder ganze Tage? Warum werden Familien, in denen sich beide für Beruf UND Kinder entscheiden und diese annähernd gleichberechtigt betreuen, nicht stärker finanziell entlastet, bzw. gefördert. Warum gibt es eine Förderung für Frauen, die zu Hause bleiben, aber nicht für Frauen, die mehr arbeiten als die üblichen 20 Teilzeitstunden? Gleichzeitig würde man sich das Geld sparen für Erzieher und Betreuer, die eh schon unterbesetzt sind.
Warum ist es im Jahr 2020 nicht möglich Strukturen in Unternehmen so zu gestalten, dass Männer Karriere machen können und sich trotzdem um ihre Kinder kümmern können? Mich beschleicht das Gefühl, dass dies gar nicht gewollt ist, da wir uns leider immer noch in einer Männer – dominierten Arbeitswelt befinden, in welcher Frauen und insbesondere Mütter, nur schwer Akzeptanz erlangen. Es gibt hier sicherlich Ausnahmen und gute Ansätze, doch leider sehe ich hier keinen grundsätzlichen Entwicklungstrend.
Das finde ich dumm und schade, denn Diversität in Unternehmen bringt nicht nur nachgewiesener Weise mehr Gewinn und zufriedene Mitarbeiter mehr Leistung, sondern auch kreativen Wind in eine darniederliegende Wirtschaft.
Hinzukommt, dass sich das Problem nach der Krise eher verschlimmern wird. Der Arbeitsmarkt ist eng und welcher Chef würde dann nicht den gebärunfähigen Endzwanziger der gebärfähigen Endzwanzigerin vorziehen? Ich möchte mich nicht entscheiden müssen zwischen meinen Kindern und einem befriedigenden Arbeitsleben, ich möchte nicht auf Steuerkarte 5 arbeiten und am Ende des Monats ein paar Kröten bekommen dafür, dass ich mich zwischen Job und Kind halb zerrissen habe mit dem Argument, dass mein Mann ja dann mehr verdient. Ich möchte nicht, dass meine Kinder in dem Glauben groß werden, dass Papa das Geld verdient und Mama die Wäsche wäscht und ich möchte auch nicht, dass meine Kinder bis 18.00 in einer Betreuung bleiben müssen. Ist das wirklich so unmöglich? Nein, aber es erfordert einen gemeinsamen Aufbruch der Rollenbilder. Dieser braucht allerdings ein wenig Hilfe und Anstoß vom Staat und von der Politik, die ein Umdenken dieser Rollen etablieren und belohnen sollte. Dann brauchen wir auch keine Frauenquoten mehr, dann werden Frauen automatisch wieder mehr in Führungspositionen sein. Ich möchte nochmals betonen, ich möchte keine Almosen oder Mitleid. Ich würde mich nicht als Feministin oder als Emanze bezeichnen. Ich bin eine Mutter, die ein erfülltes Leben haben möchte, einen Mann der eine Beziehung zu seinen Kindern hat und Kinder, die ein anderes Bild von Geschlechterrollen haben als ich es immer hatte.

#Muttertag2020

Ich bin Kristin, ich bin 45 und Mutter zweier Grundschulkinder, Haus und Gartenbesitzerin, Ehefrau eines Mannes, der in der freien Wirtschaft arbeitet, die gerade landläufig abschmiert, selbstständig arbeitend, es ist Muttertag und ich bin vollkommen erschöpft! Ich glaube ehrlich gesagt, ich war in meinem Leben schon lange nicht mehr so müde. Gestern jubelte mein Mann, dass die Tennisplätze wieder öffnen, ein Sport, den wir gemeinsam betreiben. Ich war den Tränen nah und dachte nur: Bitte nicht das auch noch!

Ich möchte mich gar nicht beschweren, wir haben in dieser Krise alle unser Päckchen zu tragen, und es gibt viele Menschen, die an ihre Grenzen gehen. Aber ich merke, dass auch ich an der Grenze bin und ich beginne, mich zu ärgern. Ich ärgere mich über gönnerhafte Artikel, die berichten, dass Frauen die ganze Last der Krise auf ihren Schultern tragen und wir uns emanzipatorisch auf den Weg in die 50er Jahre befinden. Ich ärgere mich über Vorschläge, wie der Mann mehr in die Hausarbeit und die Kinderbetreuung eingebunden werden kann und sollte. Ich ärgere mich über Analysen, dass der Perfektionsanspruch der modernen Frau Ursache ihrer Überlast und die Lösung aller Probleme alleinig in einer Verbesserung der Kommunikation zwischen Paaren zu suchen sei. Sicher ist da überall was dran und es ist wichtig, sich an der Stelle selbst gut im Blick zu haben, aber es hilft mir gerade überhaupt nicht weiter!! Sorry! Not very helpful!

Ich habe einen Mann, der mitmacht, wenn er Zeit hat und anpacken kann, ich bin gesegnet mit zwei Kindern, die gut in der Schule sind und ihre Aufgaben meist ohne großen Terror erledigen. Gott sei Dank! Ich bin in der Lage, mir meine Projekte frei einzuteilen und habe nicht viel Termindruck. Gott sei Dank!! Warum bin ich also so verdammt müde?

Mir fällt in diesen Tagen zu meinen üblichen Aufgaben wie Homeschooling, Putzen, Kochen, Garten und Einkauf noch die Aufgabe zu, eine neue Struktur herzustellen – und zwar für die ganze Familie. Eine Struktur, die sonst gehalten wird durch Schule, Arbeit, Sport, Freunde, Sport und Musikschule etc.

Klar, es war auch für mich zuerst eine Entlastung, aus dem Hamsterrad kurz auszusteigen und die Termine aus meinem Kalender streichen zu können. Eine Wohltat! Aber ein Hamsterrad ist ja nicht nur schlecht. Das Gute ist, es läuft und läuft fast von selbst. Nun bin ich diejenige, die die kleinen Hamster auf Spur hält, anschubst und bespaßt. Ich begleite täglich eine Entwicklung, die nicht aufhört, nur weil wir im Lockdown sind. Gott sei Dank! Menschen und Kinder wollen sich entwickeln und gerade Kinder brauchen dabei Führung und Struktur. Deswegen reicht es zur Entlastung nicht, dass mir ein Teil der Hausarbeit abgenommen wird oder der Mann mit den Kindern mal was unternimmt oder ich die Wollmäuse tanzen lasse und statt Spargel Dosenravioli auftische. Das kann alles helfen und ist richtig und wichtig, aber es ist nicht der Ausweg für diesen unfassbar anstrengenden Zustand!

Was wir als Familien benötigen und dringend vermissen, wurde von den Schulen und letztlich von der Bildungspolitik vollkommen missverstanden. Wir brauchen nicht noch die 10. Kreativaufgabe, das 5. Bastelpaket oder das 4. Sachkundeexperiment. Bitte nicht falsch verstehen, ich finde das alles toll, aber es überfordert mich!! Der Gedanke, jetzt neben meinen Kindern auch noch auf Bohnen aufpassen und täglich deren Entwicklung dokumentieren zu müssen, macht mich fertig! Was ich mir wünsche und was viele Familien in diesen Zeiten wirklich brauchen, sind Strukturierungshilfen. Ich wünsche mir von Schulen klare Aufgabenvermittlung, klare Zeitangaben bzw. Zeiträume und klare Feedbacks für die Kinder.

Es ist meines Erachtens ein großes Missverständnis, dass Schulen und Lehrer denken, sie überfordern Kinder damit oder bereiten ihnen Druck. Das Gegenteil ist der Fall. In dieser unstrukturierten „jeder kocht sein eigenes Süppchen Politik“ wird die Herkules-Aufgabe der Strukturierungsarbeit den Kindern und Eltern ZUSÄTZLICH aufgebürdet. Hier mache ich den Schulen und den Lehrern keinen Vorwurf, sondern einer Bildungspolitik, die in diesen Zeiten, warum auch immer, keinen Plan hat und vorlegt und es schon lange versäumt hat, Strukturen aufzubauen, in denen eine es möglich wäre, diese Zeit leichter zu überstehen. Ich ärgere mich!

Die Lösung ist nicht, die Schulen im Blindflug aufzureißen, sondern Konzepte zu entwerfen und zu implementieren, die beim Homeschooling die Struktur gleich mitliefert und nicht den Eltern überlässt. Mir persönlich wird angst und bange, wenn ich daran denke, dass dies noch Monate so gehen kann. Ich bin ehrlich gesagt nicht bereit und habe auch nicht die Kraft dazu, die Arbeit zu übernehmen, die gerade im Ministerium nicht geleistet wird. Sicherlich gar nicht in böser Absicht, sondern weil sie wahrscheinlich wirklich nicht wissen, was eigentlich das Problem ist. Eltern und Kinder brauchen dringend Hilfe bzw. mentale Entlastung – und Basteln ist hier nicht die Lösung!

Virus ante portas

Wie der Lockdown Rollenklarheit von uns fordert

Isolation Tag 10 und mir geht immer öfter der Film Papa ante Portas von Loriot durch den Kopf.

Loriot wird vorzeitig in den Ruhestand versetzt und kommt das erste Mal seit Jahrzehnten tagsüber nach Hause.  Es entwickelt sich folgender, kurzer Dialog mit der erschrockenen Ehefrau: „Was machst Du hier?“ Er: „Ich wohne hier!“ Sie: „Aber doch nicht um diese Zeit!“

Loriot mischt sich anschließend in die Haushaltsführung ein und möchte die nicht vorhandene Beziehung zu seinem Sohn (ist 16, sitzt und spricht) neugestalten. Dies bringt alles so durcheinander, dass ihn seine Frau ihn in den Keller verbannen möchte. Loriot möchte alles richtig machen und trotzdem führt es in ein heiliges Chaos, welches fast die Trennung des Paares zur Folge hat.  Kurzum, das ganze System steht im Rahmen dieser Veränderung der Entlassung des Vaters und der neuen Rolle desselben kurz vor dem Zusammenbruch.
Was dieser Film implizit geschickt vermittelt ist, dass wenn Veränderungen eintreten, sich Systeme neu organisieren müssen.

Hier geht es um unterschiedliche Rollen und Rollenklarheit. Nein, nicht um die heißbegehrten Klopapier-Rollen, sondern um die Rollen, die wir in unseren Beziehungen einnehmen. Denn diese benötigen besonders in Zeiten, in denen das WIR groß geschrieben wird durch den Mangel an Außenwelt, erhöhte Aufmerksamkeit. In der Isolation liegen Beziehungen und Rollen wie unter einer großen Lupe. Missstände und Unklarheiten treten viel deutlicher zum Vorschein als im normalen Alltag, in dem jeder seiner Wege geht, sich auf vorgegebene Muster zurückzieht und Fluchtmöglichkeiten hat.

Die Corona Isolation trifft uns hier mehrfach. Jedes Familienmitglied muss sich in seine neue Rolle erst einfinden und einruckeln. Die Kinder brauchen dabei Hilfe, Führung und viel Geduld. Da sind wir als Eltern gefragt, die Rollenfindung und Abgrenzung den Geschwistern und uns gegenüber zu unterstützen. Das ist schon fast eine Herkules – Aufgabe. Noch komplexer ist es bei uns Erwachsenen.
Mangelnde Klarheit über unsere Rollen in unserem Familiensystem, die meist einhergeht mit einer unklaren inneren Haltung (Was will ich eigentlich? Was ist mir wichtig?) kann in dieser Ausnahmesituation zu Problemen führen.

Das Gute ist, dass wir in diesen Tagen viel Zeit haben, an diesen Haltungen und Beziehungen zu arbeiten. Die Isolation zwingt uns zu einer Art unfreiwilligen Familienaufstellung, die wegen Corona ohne Stellvertreter auskommt. Live und in Farbe können wir den ganzen Tag nachspüren, wo unser Platz im System ist, was sich gut oder weniger gut anfühlt und an welcher Stelle wir uns ggf. eine Veränderung wünschen. So anstrengend und intensiv dies ist, es ist eine große Chance auf Entwicklung für uns selbst und uns als Familie. Auch Paare ohne Kinder oder Alleinlebende werden sehr deutlich mit sich und ihrer Rolle in ihrer Beziehung oder Beziehungen konfrontiert.
Wo bin ich zufrieden, was fehlt mir, wieviel Nähe ist gut und wo hat sich vielleicht eine zu große Distanz entwickelt.

Um unsere Rollen in Systemen gut spüren zu können, müssen wir uns klar sein über unsere innere Haltung über unser Anliegen und unsere eigenen Bedürfnisse. Sind wir in der Lage diese zu spüren und zu äußern, grenzen wir uns automatisch von unserem Gegenüber ab und erlangen so Klarheit in unserer Rolle und unserem Handeln. Abgrenzung wird oft Missverstanden als aktives Grenzen setzen, welches sich in Sätzen wie: „Ich möchte das nicht! Oder „Stop! So nicht!“ äußert. Das ist im Grunde ein kommunikativer Block. „Ich möchte das nicht!“ ist das Ende einer kommunikativen Beziehung und birgt wenig Chance auf Entwicklung. Es ist viel fruchtbarer zu sagen: „Ich möchte gerne…!“ Die Grenzen sind durch klares Äußern von Bedürfnissen ebenso gesetzt, nur wesentlich produktiver, da ein Dialog eröffnet wird.

Dies erfordert allerdings ein Gespür dafür, was man will und den Mut, dies zu formulieren. Klarheit uns selbst und somit auch anderen gegenüber ist vielen von uns im alltäglichen Hamsterrad ganz oder teilweise verloren gegangen. Eigene Wünsche und Bedürfnisse sind verschütt gegangen und kaum noch spürbar. Wir haben uns in gewissen Rollen eingerichtet, glücklich oder unglücklich.
Der kurzzeitige Halt des Rades im Corona-Lock Down bietet die Chance, in uns hinein zu spüren und diese inneren Weichen neu zu stellen.

So kann es uns gelingen, aus einer Zeit des gezwungenen WIR als klares, gestärktes ICH hervorzutreten. Wovon wir auch in vielen anderen Gebieten jenseits des Familiensystems profitieren können.

 

Flirting with desaster

Warum „Stay at home“ so schwer ist

Gestern Abend habe ich in der Tagesschau wieder Interviews mit Menschen gesehen, die munter durch die Straßen zogen und sich damit brüsteten, dass sie das Corona Virus als wenig bedrohlich empfinden. Spring break wird gefeiert, als gäbe es kein Morgen mehr und im Supermarkt belauschte ich ein Gespräch, in dem eine Frau lachend sagte, sie glaube ja immer noch, dass das alles inszeniert sei…

Warum ist es für viele Menschen so schwierig, sich Tatsachen und den daraus folgenden Regeln unterzuordnen? Auch ich, die absolut kooperationswillig ist, spüre Tendenzen von Ausbruch und Rebellion. Ach, heute noch mal… das wird schon nicht so schlimm sein, schießt mir durch den Kopf und dann rufe ich mich selbst zu Recht und Ordnung. In einer Welt, in der schier alles auf Knopfdruck verfügbar und steuerbar ist, kracht ein kleines haariges Ding (so stelle ich mir das Virus vor), das uns unsere Allmachtsphantasien mit einem Schlag zu Nichte macht.

Bis jetzt ist es uns sogar gelungen, die drohende Klimakatastrophe geschickt immer da zu relativieren, wo wir es gerade brauchten. Das Problem an Covid-19 ist, es lässt sich nicht relativieren. Es wird nichts nützen, sich einen „Fuck Corona“-Aufkleber irgendwo drauf zu kleben. Covid-19 ist unerbittlich und lässt sich nicht wegdiskutieren. Wir können es nicht wegzappen, wegscrollen oder wegswipen, es ist mitten unter uns.

Das ist einerseits sehr beängstigend, birgt aber auch seltsamerweise eine faszinierende Seite in seiner Unberechenbarkeit. Der Gang zum Supermarkt wird zum Abenteuertrip, bei dem man nicht weiß, wo das kleine haarige Ding lauert, und wer ganz besonders „brave“ ist, begibt sich noch mit 4000 anderen Leuten auf die Rheinterrassen zum Eis-Essen. Endlich passiert mal was! Die ganze Welt wird zum analogen viralen EgoShooter-Spiel. Das Desaster, das unsere Welt stilllegt und viele von uns töten kann, ist mit einer Art Angst-Faszination besetzt. Der Kitzel, der daraus entsteht ist mit Russisch-Roulette, wo man mit dem eigenen Tod flirtet, oder einem Speed Race durch die Innenstadt zu vergleichen, bei dem man den Tod anderer Menschen billigend in Kauf nimmt. Hinzukommt, dass der Reiz des Verbotenen seit der Vertreibung aus dem Paradies von jeher attraktiv ist.

Aber die Welt dreht sich unbeeindruckt weiter, es wird Morgen und es wird Abend, der Frühling kommt in seiner vollen Pracht. Der Welt ist es egal, ob wir sterben oder nicht, noch nie war es so deutlich! Von einigen wird es sogar als gerechte Strafe der Natur für die Sünden der Menschheit gesehen. Für unseren Hochmut! Und Hochmut kommt vor dem Fall.

Es muss ein Umdenken stattfinden. Die Welt und unsere Gesellschaft ist kein All-Inclusive-Buffet, wo man mit einem Geburtsbändchen am Arm die Berechtigung erhält, sich alles zu nehmen, was man will. Unsere Gesellschaft und unsere Umwelt sollte eine Tauschbörse sein, die auch nicht immer alle Träume und Wünsche auf Vorrat hat. Für diese muss man auch mal anstehen, warten und manchmal eben auch unverrichteter Dinge wieder gehen, so wie im Moment. Wir alle haben uns das Jahr anders vorgestellt, wir wollten ein Geschäft aufbauen, Abitur machen, ins Ausland fahren, etc. etc.  Leider aus!

Jetzt sind wir mal dran mit dem Geben und Einzahlen. Wir sind dran, der Gesellschaft und Welt, die uns bisher ein sorgenfreies Leben ermöglicht haben, etwas zurück zu geben. Geduld, Vernunft, Solidarität und Verständnis. Indem wir zu Hause bleiben und nicht unser Ego in der Gegend rumballern und dann die Treffen, die sich nicht wehren können. Es ist nicht die Zeit für Abenteuer und Challenges, für Individualismus und Coolness, keine Zeit für Diskussionen und falsches Streben nach Freiheit. Es ist die Zeit der Demut und Zeit, zu begreifen, dass die Welt stärker ist als wir. Auch wenn wir denken, wir seien Chuck Norris und könnten uns die Hände mit Corona waschen.
Es ist kein Spiel! Und wir sind alle verwundbar. Wer das begreift, kann etwas lernen, das uns in vielen Dingen weiterbringen wird. Persönlich, als Weltbürger und als Mitglied unserer Gesellschaft.

Klopapier ist aaaaaalllllllleeeeeeeeee!

Die tragende Rolle des Klopapiers in Zeiten der Isolation

Mir fällt in hiesigen Tagen die Aufgabe des Ober-Hamsters zu, der sich um die Versorgungslage der Familie kümmert. Das mit dem Hamster ist nicht wörtlich zu nehmen, denn ich habe mich bisher geweigert zu hamstern. Ich habe, wie Frau Merkel so schön unterschied, einen Vorrat angelegt, aber „mit Augenmaß“.

Dieses Augenmaß sagte mir heute Morgen, dass das Klopapier zur Neige geht. Diese Woche kommen wir noch lang … aber dann … ich renne zur Gästetoilette, wo die Jüngste gerade singend ihr Geschäft verrichtet und rationiere radikal! Hier werden keine Papier-Orgien mehr gefeiert!! Wir müssen sparen!

Ich spüre, es macht mich nervös! Mich, die haufenweise Klopapier Witze in den sozialen Medien liked. Warum? Ich begebe mich auf Spurensuche. Warum macht mich der Mangel an Klopapier nervös, aber nicht der Mangel an Nudeln oder Mehl? Der Gedanke kam mir auf dem Klo, da kommen einem eh immer die produktivsten Ideen.

Um zu ergründen, welche tragende Rolle Klopapier in Zeiten von Corona spielt, müssen wir verstehen, welche Funktion Klopapier hat. Praktisch, aber auch psychologisch. Klopapier bildet die letzte Bastion zwischen uns und unseren Endprodukten. Den Resten, die unser Körper in mühevoller Arbeit produziert. Die letzte Konsequenz unserer Eingeweide, die keiner sehen will und die gewöhnlich möglichst schnell geräuschlos im Tiefspüler versenkt werden.

Das ist genau wie mit dem Müll. Wir produzieren ihn Tag für Tag, aber keiner will sich ernsthaft damit beschäftigen. Der Mülltonnendeckel wird möglichst schnell geöffnet und geschlossen, die Müllabfuhr zügig überholt, weil es so stinkt. Der Müll ist der ungeliebte Rest unseres Alltags, die oft ungeliebte Konsequenz unserer Lebensweise.

Genauso ist das Restprodukt unseres Körpers die sicht- und riechbare Folge daraus, wie wir leben. Wie diszipliniert oder undiszipliniert wir sind, wie gesund oder krank, kurzum, Kacke ist gnadenlos!
Wer möchte sich schon genau damit beschäftigen, es sei denn, man macht eine fernöstliche Ayurveda Kur oder ähnliches?

Unsere westliche Kultur beschäftigt sich üblicherweise ungerne mit übelriechenden Konsequenzen und Resten, denn in diesem Abstand liegt die Kultivierung. Wühlen im Müll oder in den eigenen Fäkalien ist unkultivierte Barbarei und wird den Kindern schon in jungen Jahren schnellstmöglich abgewöhnt.  Was passiert nun, wenn wir uns dieser 4 lagigen, extrasoften Müllabfuhr nicht mehr bedienen können?

Wenn wir unseren eigenen Endprodukten Auge in Auge gegenüberstehen? Wir im wahrsten Sinne des Wortes mit der eigenen Scheiße konfrontiert werden, die wir so lange Jahre mit Hilfe der Hygiene Industrie erfolgreich ausgeblendet haben. Das will man nicht. Dazu sind wir NOCH nicht bereit!
Und doch hat diese Angst vor der Barbarei auch eine faszinierende Seite.
Die Flut an Videos, die im Moment minütlich auf unseren Handys eintrudeln, die den Mangel an Klopapier und die daraus entstehende Kreativität zum Gegenstand haben zeigt, dass diese Gefahr auch eine tiefe, kindliche Lust birgt, uns näher mit diesem fäkalen Thema auseinander zu setzen.
Eichhörnchen werden als Klopapier missbraucht und der alte Bären-Witz: „Sag mal, fusselst Du?“ hat wieder Hochkonjunktur. Auch ich kann darüber herzlich lachen und trotzdem gehe ich jetzt lieber los und versuche, Klopapier zu ergattern. Wenn das nicht erfolgreich ist, muss ich mir Gedanken machen, wie wir uns mit dieser neuen Klopapierlosen konfrontativen Situation anfreunden. Frei nach dem Motto: Scheiße als Chance!

Just Act mit Kindern-zurück zum Spiel jenseits der PS4!

Gestern hatte ich das Vergnügen in einem Kölner Gymnasium mit, sagen wir „sehr hohem Bildungsanspruch“, einen Mini-Workshop zu geben. Die Kinder proben gerade im Fach Musik die „Entführung aus dem Serail“ von W.A. Mozart und ich durfte sie vorbereitend in die Geheimnisse der Theater-Arbeit einführen.
Es war sehr interessant zu beobachten, wie sehr schon diese Kinder auf Perfektion und Ergebnis fokussiert waren. Bevor der erste Satz überhaupt gesprochen wurde, war man schon im vollen Ornat gekleidet, hatte sich eine Frisur überlegt und den Text auswendig gelernt. Nun war es an mir, die Kinder wieder aus dem Perfektions-Serail zu entführen, zum freien Fall zu bewegen, weg von Kostüm und Text, weg von festen Vorstellungen.

Ich gebe zu, ich hatte Angst! Angst, dass mich 30 Elfjährige in der Luft zerreißen, wenn ich mit ihnen Körper- und Stimmübungen mache, sie förmlich auffordere, sich im Kollektiv zum ‚ Affen zu machen‘ und einfach mal zu agieren.

Um so mehr hat es mich gefreut, dass ich das Gefühl hatte, mit diesen Kindern gestern in zwei Schulstunden auf den Kern des Spiels gestoßen zu sein. Zwar spürte man immer noch vereinzelt den Wunsch sich abzusichern, doch wuchs die Bereitschaft seine Komfortzone zu verlassen, seine 29 Mitschüler auszublenden, sich zu exponieren und auch „Fehler“ zu machen, unweigerlich komisch zu sein von Minute zu Minute.
Diese Kinder gierten nach Spiel und Verwandlung, was in ihrem durchgeplanten Leben voller Leistung und Performance-Druck so wenig Raum hat. Sie erlebten sich in ihrer Wirkung und spürten die Macht die sie erlangen, wenn sie in der Lage sind auf der Bühne flexibel zu sein, ihre Phantasie zu nutzen und Dinge auszuprobieren. Und es war schön zu sehen, dass diese Verwandlungen nicht nur bei mir Begeisterung auslösten. Sobald ein Kind Mut bewies und sich in seinem Spiel verlor, bereit war ein Risiko einzugehen und einfach mal „zu acten“, wurde es mit tosendem Applaus seiner Mitschüler belohnt!

Am Ende wollte keiner aufhören und alle wollten mehr. Mehr was?
Mehr spielen, mehr Risiko, mehr Phantasie, sich verlieren und durch Flexibilität und Verwandlung zu begeistern.
Mich hat das glücklich gemacht und ich habe wieder mal erlebt, welch kreative Welt in jedem von uns steckt und dass uns das Spiel helfen kann, diese wieder oder neu zu entdecken.
Just Act!

Herausfordernde Zeiten gut überstehen und produktiv bleiben

Kampf dem Chaos und keine Angst vor der Krise, denn Krise birgt Entwicklung

„Wir sind im Krieg“ sagt Emanuel Macron. Das würde ich etwas gelassener sehen, da ich aus Erzählungen meiner Eltern ahne, wie Krieg sich anfühlen muss, wenn man mit drei Jahren alleine im Tiefflieger-Hagel auf dem Weg zum Bunker ist. Davon sind wir weit entfernt! Trotzdem kommen auf uns alle herausfordernde Zeiten zu, sowohl gesundheitlich, sozial, aber auch existenziell.

Gerade in den Berufen, die freiberuflich ausgeübt werden und dann auch noch auf direkten Kontakt mit Menschen setzen, wird es in diesen Tagen kritisch. Aber auch auf alle anderen kommen große Veränderungen zu, in ihrer Arbeitsweise und ihren Arbeitsinhalten. Flexibilität ist gefragt. Die Kinder sind zu Hause und wollen beschäftigt werden, gleichzeitig plagt einen die Angst, dass die Firma zumacht oder die Aufträge gänzlich ausbleiben. Man fühlt sich getrieben und gleichzeitig machtlos. Ein sehr ungutes Gefühl!

Was auf keinen Fall hilft, ist jetzt in Panik zu verfallen, auch wenn ich dies gut nachvollziehen kann.
Aus meiner Zeit als Schauspielerin kenne ich das Gefühl existenzieller Bedrohung sehr gut. Viele Zeiten der Ungewissheit, in denen man von wenig Geld und mit viel Zukunftssorgen leben musste. Lange Tage, die nicht durch Arbeit strukturiert waren und sinnvoll gefüllt werden wollten, damit irgendetwas weiterging.

Was ich aus diesem „früheren“ Leben für die Corona-Krise mitnehmen ist, dass eine geregelte Struktur das A und O ist. Es klingt vielleicht banal, aber stellen Sie einen Wecker. Wecken Sie auch, wenn vorhanden, ihre Kinder, servieren Sie keine Nutella zum Frühstück in der Woche, wenn sie sonst nur am Wochenende erlaubt ist. Legen Sie Zeiten fest, zu denen gearbeitet wird. Ziehen Sie sich an und halten Sie Ihre Kinder auch an, sich wie immer parat zu machen. Behalten Sie die Arbeitsstrukturen soweit wie möglich bei. Wenn die Kinder arbeiten, können Sie auch arbeiten, auch wenn es vielleicht nicht so lange ist. Es geht um das Gefühl, produktiv zu bleiben in einer Zeit des Stillstandes, strukturiert in Zeiten des Chaos. Lassen Sie das Chaos nicht die Regie über Ihr Leben übernehmen. Wenn die Kinder sonst in der Woche keine Filme um 9.00 morgens gucken, lassen Sie auch das jetzt nicht zu. Es klingt paradox, aber Ihre Kinder und Ihre Familie wird es Ihnen danken, wenn Sie gerade jetzt klare Regeln setzen und Abmachungen treffen. Nur in einer klaren Struktur werden Sie in der Lage sein, produktiv zu arbeiten.

Und noch etwas ist sehr wichtig. In Zeiten, in denen nicht absehbar ist, wann der Normalzustand zurückkehrt, können kleine Teilziele die Lösung sein.  Wenn Sie kein großes Projekt anschieben können ist das eben so und nicht zu ändern! Überlegen Sie, welche kleinen Schritte Sie schon vorbereiten können oder welche Vorbereitungen sinnvoll sind. Wenn Sie weitermachen wollen wie bisher, werden Sie schnell an Ihre Grenzen stoßen und frustriert sein. Tun Sie, was machbar ist. Arbeiten Sie an Ihren Ansprüchen. Sie können das Rad nicht krümmen, aber manchmal machen Krisenzeiten auch erfinderisch und flexibel. Nutzen Sie diese Grenzen, um auszuloten, was sonst noch alles geht! Das kann sehr erfüllend sein und man kann für die Zukunft sehr viel lernen und mitnehmen. Das Gute ist, was Sie jetzt entwickeln, kann Ihnen niemand mehr nehmen und Sie haben es für alle Zeiten und alle Fälle.

In diesem Sinne, Not macht erfinderisch, Krise birgt Entwicklung und Scheitern ist nur (oder: besser) als Chance zu betrachten. Ich wünsche uns allen eine gesunde und produktive Zeit, in der wir alle neue Skills erlernen können, die uns ein Stück weiterbringen.

Bleiben Sie gesund und agil!